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Von GFCD Concordia 1964 bis German Plus 2004

     

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Gründerzeit

Die 60er Jahre - Ein Markenzeichen entsteht

23.02.1958 bis 31.12.1970 - Ein Bericht von Wilfried Spöhring

Seit 1816 war Holland Kolonialmacht in Indonesien. 1949 erklärte Indonesien seine Unabhängigkeit und die Republik Indonesien mit Sukarno als Präsident wurde proklamiert. Präsident Sukarno führte sein Volk mit einer „gelenkten Demokratie".

Als Holland die Beschlüsse der internationalen Staatengemein-schaft, nach denen Neu-Guinea per 1. Januar 1958 indonesisch werden sollte, nicht einhielt, brach Sukarno alle Beziehungen zu Holland ab und „warf diese aus dem Land".

Genau zu diesem Zeitpunkt reiste ich in Jakarta ein. Seit 49 Jahren, d.h. seit Anfang April 1955 arbeite ich bis heute für das Handelshaus Ernst Komrowski & Co., Hamburg. Kurz nach Beendigung meiner Lehrzeit wurde ich am 23.2.1958 nach Jakarta ent-sandt. Ich war so „heiß" auf diese Tätigkeit in Indonesien, dass ich zu Fuß dorthin gelaufen wäre.

Ich war - nachdem die Holländer das Land verlassen mussten - mit meinen 22 Jahren einer der jüngsten Europäer im Lande. Dabei war es zu jenem Zeitpunkt schwierig, ein Visum zu erhalten, da das „Immigration Office" nur Experten eine Einreisegenehmigung erteilte. Mich hatte die Firma als „Finanzexperten" deklariert, aber das war vom Alter her wenig überzeugend, so dass mein Visumsantrag dreimal abgelehnt wurde. Erst der vierte Anlauf, nachdem ein Fotoapparat an geeigneter Stelle den Besitzer wechselte, erhielt ich mein Visum.

Unser Büro in Jakarta bestand seit 1954. Mein seinerzeitiger Chef war Herr Lang, der im Jahre 1962 nach Deutschland zurückkehrte. Nach vier Jahren ohne jeglichen Urlaub bekam ich meinen ersten Heimaturlaub und nach meiner Rückkehr nach Indonesien wurde ich zum Leiter der Niederlassung ernannt.

Ich wohnte die ersten sechs Monate bei meinem Chef, mit dessen Frau und Kind. Er hatte ein Haus (sprich Hütte) in Kebayoran angemietet. Größe: 40 m² (4 Zimmer à 10 m², Elternschlaf-zimmer, Kinderschlafzimmer, mein Zimmer und Küche), die Innen-wände waren nicht aus Stein, sondern aus Bambus, es gab kaum Wasser, wenig Strom, natürlich keine Klimaanlage, aber mit Glück einen Ventilator. Das Bad war 2 m² groß, bestand aus einer Toilette und einem Wasserbecken „Mandi", in welches mittels Hahn das Wasser (gesäubert mit einem Auffangtuch) tröpfelte. Da mir keiner die indonesische Gepflogenheit erklärt hatte, mit dem Wassereimer das kalte Wasser aus dem „Mandi" über den Körper zu schütten, bin ich natürlich an meinem Ankunftstag in Jakarta nach der Aufforderung „mich etwas frisch zu machen" - nachdem ich mich vorher kritisch gefragt hatte, wie die korpulente Frau Lang es wohl schaffte, in das Becken zu krabbeln (aber nach dem Motto meines Vaters: „Was andere können, kannst Du schon lange...") - in das Becken gestiegen und habe damit zum Entsetzen meines Chefs und seiner Frau das Wasser für die ganze Woche verschmutzt, so dass wir mit Eimern bewaffnet bei Nachbarn Wasser aufkaufen mussten.

Nachdem ich sechs Monate bei der Familie Lang gewohnt hatte (was eigentlich ein unhaltbarer Zustand war, weil jedes Wort und jedes Geräusch durch die dünnen Wände zu verstehen war), fand ich auch in Kebayoran ein kleines Appartment mit 30 m² Größe, Schlafzimmer voller Moskiten ohne Fenster. Ich aber war glücklich über meine erste eigene „Wohnung".

Autos gab es wenig, wir hatten von der Firma nur einen 15 Jahre alten Chevrolet, mit dem wir morgens unsere Angestellten abholten und abends nach Hause brachten. Da dieser Wagen sehr anfällig war und Reparaturen Glückssache waren, durfte ich diesen Wagen auch nicht alleine fahren, sondern musste immer die bekannten Becaks benutzen.

Unser Büro war in der Innenstadt „Kota" Jalan Orpa 68 im ersten Stock. Unten war ein Getreidesilo, was Scharen von Ratten anzog. Einmal passierte es mir, dass mir eine Ratte, als ich morgens die Schublade öffnete, entgegen-sprang. In diesem Büro gab es keine Toilette. Sollten wir aber tagsüber mal menschlichen Bedürfnissen nachkommen müssen, mussten wir dazu in eine gegenüber liegende Straßenküche „Warung" mit indonesischer Hock-Toilette.

Unsere Berichte an die Firma verfassten wir auf einer Reise-schreibmaschine abends bei Kerzenlicht auf der Terrasse, da meistens Stromausfall herrschte. Telefongespräche nach Deutsch-land mussten wir anmelden und es dauerte ca. vier Stunden bis die Leitung zustandekam. Telegramme nach und von Deutschland dauerten zwei Tage.

Mein seinerzeitiger Freund Klaus Kunze schrieb seine Berichte im Hotel Transaera gegenüber der Gambir-Bahnstation. Da er keine Wohnung bekommen hatte, hatte er ein Zimmer in diesem Hotel angemietet, welches er fast jede Nacht noch mit einem anderen Gast teilen musste. Dafür hatte Klaus aber den Vorteil, ein stolzer Besitzer eines Morris Minor zu sein, mit dem er mich dann abends um 22.00 Uhr - nach getaner Arbeit - abholte, um mit mir „auf die Pirsch" zu gehen.

In den ersten Jahren lagen die Büro- und Lebens-haltungskosten sehr niedrig. Die Firma hatte uns großzügigerweise eine Pauschale von DM 1.000 monatlich zur Verfügung gestellt, die wir nicht abrechnen mussten. Davon bezahlten wir Miete, Strom, Bürokosten, Telefon- und Telegrammgebühren sowie sämtlich Personalkosten für drei Sekretärinnen, Officeboy und Fahrer. Als wir 1962 mit diesem Betrag nicht mehr auskamen und gegenüber der Firma eine Erhöhung auf DM 1.250 erbaten, schrieb der seinerzeitige Mitinhaber der Firma an mich „wenn die Preis-steigerungen weiterhin so drastisch ansteigen, dann müssen wir uns ernsthaft überlegen, das Büro zu schließen".

In den ersten vier Jahren meines Aufenthaltes in Jakarta, war der Autoverkehr relativ unbedeutend. Die Jalan Sudirman und Jalan Thamrin, an denen es seitlich nur Tokos und kein einziges Hochhaus gab, waren relativ leer, so dass wir diese Straße manchmal sogar Abends zu einem Becak-Rennen missbrauchen konnten.

Zu essen gab es eigentlich bis zum Jahre 1967 eher wenig, zumindest wenig Importiertes. Department Stores gab es keine in Jakarta. Einzelhandelsläden gab es natürlich, davon der bekanntestes „Toko Gelael" in Kebayoran, Jalan Palatehan. Reis und Gemüse gab es ausreichend, Fleisch kauften wir von einem „Tukang", der mit einem Kasten auf seinem Ge-päckträger durch die Straßen fuhr. An Brot gab es nur Weißbrot, manchmal sogar mit Kakerlaken „garniert". Ein absolutes Highlight war das Eintreffen der Hapag Lloyd Frachtschiffe. Da wir gegen die Schiffsmannschaften Fußball spielten, konnten wir vom Koch Schwarzbrot „abstauben". Dieses führte dann automatisch zu einer sogenannten „Schwarzbrotparty" mit Freunden, die ihrerseits über die Botschaften Butter und Käse aus Australien bezogen und mitbrachten. Diese Feiern wurden unvergessliche Erlebnisse. Später konnten wir dann mit Hapag Lloyd ein Arrangement treffen, so dass wir mit jedem Hapag Schiff alle zwei Wochen zwei Essenspakete von Deutschland zugeschickt erhielten.

Die allgemeinen ungünstigen Lebensbedingungen änderten sich langsam ab 1962. In diesem Jahr bekam ich mein erstes „lebens-fähiges" Appartment mit AC und Kühlschrank in Kebayoran, Jalan Palatahan. Im Jahre 1965 konnte ich dann ein Mini-Haus von einem Kunden in Kebayoran, Jalan Tirtajasa für DM 400 monatlich anmieten, welches auch sehr klein (60 m²) war , dafür aber einen kleinen Vorgarten hatte, Warmwasserboiler gab es nicht (es gab immer noch die indonesische Eimer-Wanne-Dusche). Ich erinnere noch, als mein Nachfolger, Herrn Leich, Ende 1970 einen Warmwasserboiler ultimativ forderte, war mein seinerzeitiger Assistent Herr Antonius empört über dieses luxuriöse Ansinnen.

In Gambir gab es einen Deutschen Club, in welchem ich für Filmabende verantwortlich war. Als seinerzeit aber sämtliche aus-ländischen Filme verboten wurden, konnte ich unseren wöchentlichen Gästen donnerstags immer nur zwei Filme zur Auswahl anbieten „Der brave Soldat Schwejk" oder einen „Revue-Film mit Marika Röck". Dennoch kamen die Expats in Scharen, weil sie neben diesen „tollen" Filmen auch Kohlrouladen bekamen und Gimlet in Massen trinken konnten.

Die Gemeinschaft innerhalb der deutschen Community war sehr eng. Es wurde auch sehr viel gefeiert, da vieles durch den Schwarzmarktkurs (offizieller Kurs 1 DM = 3 Rupiah, Schwarzmarktkurs 1 DM = 3.000 Rupiah) sehr billig war. Es wurden Geisterpartys, „Fancy Head Parties" und sonstige Festivitäten ausführlich begangen. Eingeladen waren immer zwischen 50 und 100 Personen, nachdem gegen Mitte der 60er Jahre „richtige" Häuser mit Pools angemietet werden konnten.

An Hotels gab es anfangs nur das Hotel Transaera, wie gesagt gegenüber der Gambir Station, sowie Hotel Ambassador in der Jalan Gajah Mada. Das Hotel Indonesia - mit Komrowski Stahl gebaut - wurde dann als erstes Großhotel im Jahre 1964 eröffnet. Es gab bis dahin keine Nachtclubs, keine Bars, keine Diskotheken. Der erste Nachtklub wurde 1964 im Hotel Indonesia unter dem Namen „Nirwana" eröffnet, es gibt ihn heute noch. Unser Highlight ab 1964 war dann, sonntags zum Schwimmen ins Hotel Indonesia zu gehen, wo wir uns dann jeder den Luxus von zwei Kugeln Eiscreme leisteten. Die Deutsche Botschaft wurde an dem jetzigen Standort erst 1966 eingeweiht.

Bedingt durch diese Situation war genügend Zeit, Sport zu treiben, vor allem Tennis und Fußball und an den Wochenenden fuhr man in die Berge nach Cipajung, Cibulan oder an die Küste nach Merak. Im Jahre 1962 hatten mein Freund Ulrich Offe und ich in Cipajung einen Bungalow mieten können, in dem wir mit Begeisterung die Wochenenden verbrachten und natürlich auch viele Parties gefeiert haben. Dadurch und bedingt durch die Situation wurden auch viele intensive Freundschaften, speziell unter Deutschen, geschlossen, die bis heute andauern.

1965 heiratete ich und wir reisten in Jakarta genau am 30.9.1965 ein. Dieses war der Tag des Coups, an dem Präsident Sukarno und Anhänger des Kommunismus versucht hatten, die westlich gesinnten Generäle zu ermorden. Die Generäle Suharto und Nasution hatten dann eine Gegenoffensive gegen Sukarno und die Kommunisten gestartet und die Regierung Sukarno gestürzt. Wie dem auch sei, unsere Maschine, war die letzte die in Jakarta noch landen konnte, danach war komplette Flugsperre und unseren Eltern konnten wir erst nach zehn Tagen über einen KLM-Piloten eine Mitteilung zustellen, dass wir noch am Leben waren, denn in dieser Zeit wurden Millionen Menschen umgebracht. Diese Ankunft in Jakarta war ein Schock für uns. Normalerweise konnten abholende Freunde ohne Pass bis an die Maschine gehen. Da meine Freunde neugierig auf meine Frau waren, erwarteten wir 30-40 Freunde beim Aussteigen vor der Maschine stehen zu sehen. Wir starrten aber nur auf ein Dutzend Soldaten, die ihre Maschinengewehre auf das Flugzeug gerichtet hatten. Danach erfolgte ein halbes Jahr Aus-gangssperre. Nach Dunkelheit durfte niemand mehr auf die Straße. Eines Nachts hämmerte es an unsere Wohnungstür. Vor mir standen drei grimmig drein-blickende Soldaten mit angelegten Maschinengewehren. Ein weiterer Schock. Mein Herz schlug schneller. Es stellte sich dann aber heraus, dass diese Soldaten einen Kommunistenführer suchten, der in unserem Nachbarhaus gewohnt haben sollte. Also noch mal Glück gehabt.

Und nun schließlich zum Fußball. Als ich 1958 in Jakarta eintraf, trat ich einem englischen Fußballclub genannt „Boxclub" bei. Wir spielten einmal wöchentlich. 1961 bauten MAN und Siemens ein Kraftwerk im Hafen von Jakarta Tanjung Priok, für welches 50 und teilweise bis zu 100 deutsche Techniker entsandt wurden. Diese waren natürlich noch nicht so sprachlich geschult, wie das heute der Fall ist, so dass oft witzige Situationen entstanden. Als z.B. mein englischer Fußballcaptain einen dieser deutschen Mitspieler fragte „Are you ready?" antwortete dieser sehr freundlich „No, I am Horst!". In einem anderen Fall sprachen bei einem abendlichen Zusammensein die Techniker darüber, dass man, wenn man 10 Jahre und mehr als Schweißer arbeitet, impotent wird, worauf eine der Frauen dann fragte: „Wieso ist das mehr als Ingenieur?" In einem anderen Fall heiratete ein Deutscher eine Indonesierin und bei dem Vorgespräch mit dem Pastor in der Kirche fragte dieser: „What are you doing here?" und wollte natürlich hören, dass man den Bund fürs Leben einzugehen gedenkt, aber die Antwort unseres Technikers lautete voller Stolz: „We are building a power station!", was man natürlich auch zweideutig auslegen könnte

Diese MAN- und Siemens-Techniker hatten ihr eigenes Fußball-Team. Da mein „Boxclub" gegen die deutschen Techniker häufiger spielten, entstanden neue Freundschaften, die dazu führten, dass ich zusammen mit meinem Freund Ulrich Offe im Januar 1964 den ersten deutschen Fußballclub „First German Football Club Djakarta" (GFCD) Concordia" gründeten. Dieses war die Geburtsstunde des deutschen Fußballvereins, dessen 40jähriges Bestehen wir jetzt feiern. Der Name „GFCD Concordia" wurde später in „German Plus" umbenannt.

Wir spielten wöchentlich gegen indonesische Mannschaften, Schiffsmannschaften, die Franzosen, die einen Staudamm in Djatiluhur" bauten sowie gegen den Deutschen Club „Germania" von Kuala Lumpur. Wir waren eine gute Mannschaft, alles Vereinsspieler und waren so stolz, dass wir meinten, sogar gegen die indonesische Nationalmannschaft bestehen zu können. Wir spielten im Senayan Stadion, im Menteng Stadion oder auf dem Polizei-sportplatz in Kebayoran.

Und was war unser lustigstes Erlebnis? Ein Broker hatte uns außerhalb Jakartas im Vorort Klaten als Nationalmannschaft angepriesen (stimmte ja eigentlich auch, denn wir waren nur deutsche Spieler), aber der Gastgeber hatte an die echte deutsche National-mannschaft gedacht und sich mit diversen indonesischen National-spielern verstärkt. Als wir mit Bussen in Klaten eintrafen, waren die Straßen mit Spruchbändern geschmückt „Welcome to the German National Team". Zehn-tausend Zuschauer fieberten diesem sensationellen Ereignis entgegen, was leider dann für uns nicht so positiv verlief, weil wir - natürlich mit sehr viel Pech 7:1 verloren.

Es war eine tolle, eine wirkliche Pionierzeit. Es ist wirklich fas-zinierend, welche wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen ein Land in nur 12 Jahren machen konnte. Aber diese Zeit hat uns gelehrt, dankbar zu sein und ich bin froh, dass ich gerade in dieser Zeit in Indonesien sein konnte. Wir kehrten Ende 1970 nach Deut-schland zurück, nicht weil es uns nicht mehr gefiel oder das Geschäft rückläufig war, sondern weil unsere Eltern hofften, während ihrer Lebzeiten und nach meiner zwölfjähriger Indonesien-Abwesenheit noch etwas von uns und ihrem 1968 geborenen Enkel Marc haben zu können.

Ich bin auch glücklich darüber, dass ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland 1971 bis heute noch jährlich drei- bis viermal geschäftlich nach Indonesien reisen kann, wobei für mich besonders motivierend ist, dass unser Sohn Marc heute seit 10 Jahren in unserer Firma in Jakarta als mein Gegenpol tätig ist. Selbst-verständlich war auch Marc aktiver Spieler bei „German Plus".

Ich hoffe sehr, dass die Situation in Indonesien sich kontinuierlich weiter verbessern wird und dass uns als Handelsfirma auch weiterhin noch Möglichkeiten offenstehen, Geschäfte zu tätigen, die es uns ermöglichen, in dem Land, das wir als zweite Heimat liebgewonnen haben und in dem wir auch sehr viele enge indonesische Freunde haben, weiterhin tätig sein zu können.

Unserem deutschen Fußballclub „German Plus" wünsche ich dementsprechend viele Siege, wobei es in erster Linie aber darauf ankommen sollte, Freundschaften innerhalb der eigenen Mannschaft und mit anderen Nationen aufzubauen und zu pflegen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man von diesen schönen Erinnerungen ein ganzes Leben zehrt und das möchte ich - was mich betrifft - keinesfalls missen.

In diesem Sinne toi toi toi

Wilfried Spöhring