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Von GFCD Concordia 1964 bis German Plus 2004

     

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Die 70er Jahre

"Junge - geh' raus in die Welt"

Ein Gespräch mit Heinz Adria

German Plus: Du feierst in diesem Jahr auch ein Jubiläum?

Heinz: Das stimmt. 30 Jahre in Indonesien. Ich bin am 1. August 1974 nach Jakarta angekommen.

German Plus: … und bist bis heute geblieben!

Heinz: Dass es so kommen würde, wusste ich damals noch nicht. Angekommen bin ich mit einem 3-Jahresvertrag im Gepäck. Meinen ersten Urlaub habe ich nach genau diesen 3 Jahren gemacht. Nach 6 Jahren Indonesien habe ich Sheila geheiratet. Einmal, während einer geschäftlichen Krise in den Jahren 1984/85, sah es so aus, als müsste ich Indonesien verlassen. Doch die Krise wurde überwunden und es hat sich danach ein Wechsel nicht ergeben.

German Plus: Was haben denn die Leute in deinem Heimatdorf zu deinem Weggang nach Indonesien gesagt?

Heinz: Die Mutter war betroffen und traurig. Der Vater sagte: „Junge geh raus in die Welt." Die Leute im Dorf nennen mich heute den Indonesier. Sie halten mich für einen Jetsetter und wundern sich immer noch über die Entscheidung, die Heimat zu verlassen. Ihr Interesse an Indonesien ist ansonsten gering. Ein bisschen vorsichtig muss man sein, wenn man über das Leben hier erzählt. Fahrer oder Hausangestellte sollten besser unerwähnt bleiben, sonst gilt man schnell als abgehoben.

German Plus: Wo bist du damals in Jakarta untergekommen?

Heinz: Im Blok M. Das Gebäude gehörte einem deutschen Handelshaus, das auch sein Büro dort hatte. Ich habe in einem Apartment zur Miete gewohnt. Blok M war damals wie ein Vorort von Jakarta. Vom Verkehrskreisel vor dem Hotel Indonesia bis zum Pizzamann (Anm. der Redaktion: Expat-Ausdruck für eine Statue ca. 5 km südlich des Hotel Indonesia) war alles grün. Blok M war die preiswertere Gegend. Diejenigen, die es sich leisten konnten, wohnten damals in Menteng. in Kemang wollte man nicht wohnen, da es zu sehr außerhalb lag, und Pondok Indah gab es noch nicht. Als ich Anfang der 80er Jahre nach Bintaro zog, habe ich meiner Frau erst mal einen Jeep gekauft, damit sie auf den unbefestigten Wegen in der Regenzeit nicht stecken blieb.

German Plus: Wie bist Du zu German Plus gekommen?

Heinz: Den Namen German Plus gab es damals noch nicht. Der deutsche Fußballclub hieß GFCD Concordia. Davon hat jeder Neuankömmling sofort über die Community erfahren. Man war ständig im Kreis der Deutschen zusammen, viel mehr als heute. Es gab halt nicht viel Abwechslung. Daher traf man sich häufig privat. Es war auch ganz selbstverständlich, dass die Jungs Fußball spielten. Wie gesagt, es wurde damals nicht viel geboten.

German Plus: Viele von uns, davon die meisten unserer heutigen Mitglieder, können sich kaum vorstellen, wie Jakarta in dieser Zeit war. Erzähl uns ein wenig darüber.

Heinz: Außerhalb der eigenen vier Wände gab es nicht viel. Das Zentrum des Blok M war ein traditioneller Markt. Immerhin gab es ein Kino und eine Kneipe, das „Tankard" (eng.: Trinkkrug). Es war damals die In-Kneipe. Sie gehörte einem Australier. Dort traf sich Abend für Abend die deutsche Community, aber auch andere Ausländer kamen hin. Man stand in 3 oder 4 Reihen um den Tresen. Zur Unterhaltung gab es Live-Musik.

Auch die Hasher (Anm. der Redaktion: kurz für Hash House Harriers oder „Drinkers with a running problem.") trafen sich dort nach ihren Läufen in und um den Blok M. Die Australier tranken Bier aus dem Eimer. Nach Hause ging es mit Becak für 100 Rupien oder auch schon mal zu Fuß.

Ein Nachtleben wie heute gab es noch nicht. Wer ein Mädchen suchte, fuhr zum Blok B, "Friedhof" genannt. Es war ein „Pick-up Place", wo man mit dem Auto ums Dreieck fuhr und sich umschaute. Kneipen gab es kaum, Karaoko-Läden schon gar nicht. In der Stadt konnte man zum „Jaya Pub" oder ins „Tanamur" gehen. Dann gab es noch einen finsteren Laden im Katika Plaza, das „Black Hole". Das beste Hotel war damals das Hotel Indonesia. Etwas später machte das Borobudur-Hotel auf.

Ich erinnere mich nur an eine Verkehrsampel in Jakarta. Die Thamrin und die Sudirman waren 2-spurig. Die Autos hatten keine Klimaanlagen und ich fuhr einen VW-Käfer.

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Heinz Adria, 56, gehört dem deutschen Fußballverein in Jakarta seit 1974 an. Seine Fußballkarriere hat er bei Ditmarsia Albersdorf begonnen.
     Er spielte in den Jugendmannschaften des Vereins bis zum sog. Jungmann (die 18-jährigen) als linker Verteidiger. Nach einer Ausbildung bei der Handelsfirma Behn Meyer zum Groß- und Außenhandelskaufmann und einem Kurzstudium der Rechtswissenschaften, das nur über 2 Semester ging („um mir später keinen Vorwurf machen zu müssen"), begann er seine berufliche Karriere in Indonesien als Vertreter des Hamburger Handelshauses Johannes Schuback und Söhne.
   Man führte Schalter, Kabel und Stromaggregate, später industrielle Ausrüstungen, vor allem für die Papier-, Zement- und Futtermittelindustrie, nach Indonesien ein. Ein zusätzliches Engagement im Ausfuhrgeschäft war von kurzer Dauer. Mit dem Shrimpexport war Schluss, nachdem ein Farmer die Schrimps mit Bleistückchen gespickt hatte, um deren Gewicht zu erhöhen. Eine der Krabben stieß einer älteren Dame in einem Restaurant in Deutschland auf, was hohe Schadenersatzforderungen nach sich zog.
     Als „beruflichen Ausgleich" hat sich Heinz gelegentlich als stiller Teilhaber im Gastronomiebereich betätigt, so in den 80er Jahren, beim „The Club" oder dem „Pink Panther" in Cikini. Heute lebt er mit seiner Frau Sheila im Stadtteil Bintaro. Ihre Söhne Oliver und Jens setzen nach dem Abitur an der Deutschen Internationalen Schule Jakarta ihre Ausbildung in Deutschland fort. Zur Familie gehört zudem der Sohn seiner Frau aus erster Ehe, der inzwischen das erste Enkelkind in den Familienkreis gebracht hat.

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German Plus: Kannst Du Dich noch an damalige Spieler erinnern?

Heinz: Einen werde ich nicht vergessen, auch wenn ich mich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann. Er war Mittelstürmer und arbeitete in Jakarta für eine Hamburger Importfirma. Er war im Grunde ein netter Kerl, leider jedoch auf dem Platz wie ausgewechselt, richtig unsportlich, mit einem aggressiven, manchmal fast brutalen Stil. Bei einem Spiel gegen eine indonesische Mannschaft auf dem Platz der amerikanischen Schule, die damals noch zu den Kampungs hin offen war, drohte richtig Gefahr. Es waren – wie so oft – viele indonesische Zuschauer gekommen. Nach einem besonders rüden Foul von unserem Sturmtank kochten die Emotionen hoch und einer der Zuschauer kam mit gezücktem Messer auf den Platz gerannt. Das war dann auch das Ende des Spiels und wird haben uns in die Umkleidekabinen gerettet.

German Plus: Die Liga gab es damals ja noch nicht? Wer waren die Gegner?

Heinz: Wir sind häufig in die Kampungs gefahren, es gab kaum Expat-Mannschaften. Das waren stets große Ereignisse. Die Spiele wurden per Lautsprecher live kommentiert. Der Sprecher hatte sich vorher unsere Namen notiert. Der Bürgermeister kam. Es gab zu Essen und zu Trinken …

German Plus: .. auch Bier?

Heinz: Nein, aber das hatten wir dabei! … die Zuschauer mussten Eintritt bezahlen. Es waren Buden aufgebaut, so dass auch das Geschäft nicht zu kurz kam. Ein sportlicher Höhepunkt war unser Vorspiel bei einem Besuch des Teams von Werder Bremen im Senayan-Stadion gegen eine indonesische „Old"stars-Auswahl.

German Plus: Auf welcher Position hast Du gespielt?

Heinz: Eigentlich immer defensiv. Meistens, wie in der Jugend, als linker Verteidiger. Gelegentlich auch mal als Vorstopper oder Mittelläufer

German Plus: Wie haben sich die Zeiten seit den 70ern verändert?

Heinz: Für viele Indonesier stammten wir aus einer anderen Welt. Manchmal behandelte man uns fast wie Halbgötter, vor allem auf dem Land. Immer aber als Ehrengäste. Es gab mehr Sonderbehandlung als heute, was aber nichts mit dem damaligen Regime zu tun hatte. Über Einiges sprach man nicht, vor allem über Politik wurde nur hinter vorgehaltener Hand geredet. Man passte auf, wer daneben saß. Die ausländische Community war wesentlich größer, vor allem da das Geschäft besser war. Es war ein regelrechtes Händlerparadies. Man leistete sich sogar deutsche Mitarbeiter als Verkäufer, die teilweise gleich nach der Lehre nach Indonesien kamen. Deutsche Industriebetriebe gab es nur wenige. Die Grossen waren allerdings schon da, wie Bayer, Siemens oder BASF.

German Plus: Du warst wohl der erste, der mit seinem Sohn Seite an Seite gespielt hast?

Heinz: Nicht ganz. Das 1. Vater-Sohn-Gespann waren Manfred und Nils Walle. Mein Sohn Oli war ganz verrückt nach Fußball, wir haben auch im ISCI (International Sports Club of Indonesia am südlichen Rand der Stadt) zusammen gespielt. Später kam auch Jens dazu.

German Plus: … und Deine Frau Sheila hat auch eine Fußballkarriere hinter sich?

Heinz: … die aber nur ein ganz kurzes Leben hatte. In dem einzigen Spiel unserer Damenmannschaft kam sie als Auswechselspielerin herein. Sie hatte keine eigenen Schuhe und die ausgeliehenen waren viel zu groß. Sie ist darüber gestolpert und hat sich den Knöchel gebrochen. Mit Gips wurde das Karriereende versiegelt.

German Plus: Du hat auch noch in diesem Jahrzehnt das ein oder andere Mal das Trikot übergestreift. Kannst Du es nicht sein lassen?

Heinz: Na ja, vor 2 oder 3 Jahren das letzte Mal. Ab und zu juckt es mich schon in den Füßen, aber Pläne in die Richtung habe ich keine. Vielleicht werde ich meine Sachen mitbringen, wenn meine Söhne mal wieder zu Besuch da sind und ein Gastspiel geben.

German Plus: Wie siehst Du die Zukunft des Vereins?

Heinz: Solange einer da ist, der sich kümmert, dass die Leute kommen, sehe ich kein Problem. Es ist heute nicht mehr so einfach ein Team zusammenzuhalten. Es gibt viele andere Interessen, es gibt mehr Abwechslung. Damals gab es kaum anderes zu tun. Die meisten Jungs spielten daher Fußball. Zeitweise hatten wir sogar 2 Mannschaften.

German Plus: Und wie siehst du deine Zukunft? Denkt man nach 30 Jahren Indonesien noch daran, einmal woanders zu leben?

Heinz: Ein Leben ohne Indonesien ist für mich nicht vorstellbar. Jakarta wird immer ein Fixpunkt bleiben. Aber ganz ohne Deutschland geht es auch nicht. In den letzten Jahren war ich immer mehrmals pro Jahr dort. Einmal davon Urlaub für 3 oder 4 Wochen. Meistens über Pfingsten. Das ist Volksfestzeit. Ich komme aus einem kleinen Kaff und inzwischen kennt man uns dort auch als Familie.

German Plus: Heinz, ich danke dir für dieses Gespräch?